Zwinger

zwischen Ostra-Allee und Theaterplatz gelegenes, 1709/32 entstandenes, berühmtestes Bauwerk Dresdens, das zum Sinnbild der Stadt geworden ist und dessen Kronentor das weltbekannte Symbol von Dresden darstellt.

Vier rechteckige und zwei runde, zweigeschossige, mit kupfergedeckten gebrochenen Dächern versehene Pavillons (Französischer Pavillon, Mathematisch-Physikalischer Salon, Zoologischer Pavillon, Deutscher Pavillon, Wallpavillon, Glockenspielpavillon) umrahmen in symmetrischer Anlage einen rechteckigen, mit Rasenflächen und Brunnenbecken geschmückten Hof von 107 m Breite und 116 bzw. 204 m Länge. Die Pavillons sind durch eingeschossige Bogengalerien und durch die auf der alten Festungsmauer stehende Langgalerie (unterbrochen durch das Kronentor) miteinander verbunden. Den nördlichen Abschluss des Zwingerhofs bildet die Gemäldegalerie Alte Meister. Die Höhe der Galerien beträgt 6 m, die Höhe der Pavillons 15,6 m, wobei der Wallpavillon mit 19,8 m Firsthöhe der höchste Bau ist.

Halbkreisförmige zweiläufige Treppen führen zu den Terrassen, die den Pavillons vorgelagert sind. Die beschwingten Bauformen der Gebäude verschwinden fast unter der Fülle des bildhauerischen Schmuckes, und zu Recht gilt der Zwinger als „einzigartiges Beispiel einer nicht nur zeitweilig, sondern dauerhaft errichteten barocken Festarchitektur“. Er sollte, wie auch die anderen Repräsentationsbauten dieser Zeit, das Machtstreben des absolutistischen Bauherrn versinnbildlichen und gleichzeitig den prächtigen Rahmen für die Darbietung des Reichtums und der wirtschaftlichen Stärke Sachsens bilden.

In der vollendeten Verschmelzung von Architektur und Plastik dokumentiert sich die Rolle Friedrich Augusts I. als Bauherrn und das Zusammenspiel zwischen dem Architekten Matthäus Daniel Pöppelmann und dem Bildhauer Balthasar Permoser. Zur Zeit des Baubeginns am Zwinger war August der Starke Kurfürst von Sachsen, König von Polen und 1711 sogar Reichsvikar - augenfällig wird dies u. a. am Herkules Saxonicus auf dem Wallpavillon, den polnischen Adlern und der Königskrone auf dem Kronentor sowie den doppelköpfigen kaiserlichen Adlern auf den zwei zuerst entstandenen Pavillons.

Für die Außen- und Innengestaltung wurde ausnahmslos einheimisches Material verwendet (z. B. kalkhaltiger Sandstein von an der Elbe gelegenen Brüchen zwischen Königstein und Rathen), das z. T. in sächsischen Manufakturen veredelt worden war. Die im Barock so beliebten Wasserspiele finden zur Belebung der auch auf italienischen und Wiener Vorbildern beruhenden Zwingerarchitektur reiche Anwendung (z. B. Nymphenbad, 22 Brunnennischen in der Langgalerie, ehemaliger Grottensaal im Erdgeschoss des Mathematischen Salons). Das bildnerische Programm, bei dem sich kein Motiv wiederholt, ist vom inhaltlichen Gehalt der etwa 600 Figuren her nicht umfassend überliefert. Heitere Satyrn und Faune als Konsolenträger bestimmen die unteren Zonen des Bauwerks, vielgestaltige Putten schmücken den mittleren Bereich, während Götter und Helden direkt oder in Allegorien in der Höhe der Dächer der Verherrlichung Augusts des Starken dienen. Außer Permoser lassen sich dabei die Bildhauer Paul Heermann, Johann Joachim Kretzschmar (1677-1740), Benjamin Thomae, Johann Christian Kirchner, Johann Matthäus Oberschall (1688 bis 1755) und Paul Egell nachweisen. Während die äußeren Bauformen (Außenfronten ursprünglich weiß und Dächer blau angestrichen) trotz mehrfacher Vernichtung wiederhergestellt sind, ist die ehemalige kostbare Innenausstattung zum größten Teil zerstört. Dazu gehören die Deckengemälde und Seitenbilder von Louis de Silvestre im Mathematischen Salon, die Deckengemälde im Marmorsaal des Französischen Pavillons von Heinrich Christoph Fehling sowie das Deckengemälde im Kronentor.

Der Name „Zwinger“ weist auf den Bauplatz hin, nämlich den im Festungsbau so bezeichneten Raum zwischen äußerer und innerer Festungsmauer der Stadtbefestigung, der seit 1576 an der „Scharfen Ecke“ der Bastion Luna, am Wall, als Zier- und Nutzgarten zum Schloss gehörte. 1709 erhielt Pöppelmann den Auftrag, diesen Zwingergarten zu einer Orangerie umzugestalten, um eine Winterunterkunft für die kostbaren und empfindlichen südländischen Ziergehölze der kurfürstlichen Gärten zu schaffen.

Nach 1711 wurden die Pläne erweitert zur Idee einer großartigen barocken Schlossanlage, die sich bis zur Elbe hinziehen sollte mit dem Zwinger als vorgelagertem separatem Festplatz. 1718/19 trieb man die Arbeiten am Zwinger besonders voran, um ihn anlässlich der Vermählungsfeierlichkeiten des sächsischen Kurprinzen nutzen zu können. Dabei wurde die Elbseite mit einem hölzernen Interimsbau abgeschlossen, der wieder abgebrochen werden sollte, um die ursprünglichen Pläne weiterzuführen. Diese wurden jedoch nicht mehr ausgeführt; der noch hin und wieder bis 1747 als Festzentrum dienende Zwinger wurde ab 1728 als Museumsbau genutzt, was er bis heute geblieben ist. Die Bauarbeiten wurden 1732 abgebrochen. In der nachbarocken Periode hatte man kein Verständnis mehr für die Architektur des Zwingers, und er wurde nicht nur kunstgeschichtlich bedeutungslos. Erst ab Ende des 19. Jahrhunderts fand er mit der kunstgeschichtlichen Wiederentdeckung des Barocks in steigendem Maße die ihm gebührende Würdigung. In der Gegenwart wird der Zwinger, der jährlich bis zu 2,5 Millionen Besucher zählt, seiner Doppelfunktion als Museumsstätte und als Festplatz für sommerliche Veranstaltungen wieder gerecht.

 

Geschichtliche Übersicht:

1709

Anlässlich der Festlichkeiten beim Besuch des dänischen Königs Friedrich IV. Errichtung eines sechseckigen, hölzernen, mit Stuck überzogenen Amphitheaters mit langen Galerien und emporstrebenden Triumphbogen westlich vom Schloss zwischen Reithaus und Festungswall; Auftragserteilung durch August den Starken an Pöppelmann zum Bau der Orangerie royale de Dresde im Zwingergarten.

1710/12

Bau der westlichen Bogengalerie mit Konsolen vor den Fenstern zur Ausstellung der Orangenbäume.

1711

Eigentlicher Baubeginn am Zwinger als Festplatz gegen die Einwände der Militärs, die eine Beeinträchtigung der Verteidigungsfähigkeit durch die Einbeziehung der südlichen Festungsmauer befürchteten. Permoser beginnt mit seiner Arbeit an den Zwingerskulpturen. Beginn mit der Anlage des Nymphenbads; Abbruch des Reithauses.

1712/13

Rohbau des Französischen Pavillons (mit Marmorsaal) und des Mathematischen Pavillons (mit Grottensaal) als Festgebäude.

1713/16

Ausbau und Fertigstellung des Französischen Pavillons (mit Marmorsaal) und des Mathematischen Pavillons (mit Grottensaal) als Festgebäude.

1714

Abbruch des 1709 erbauten Amphitheaters.

1714/18

Bau des als zweigeschossiger Triumphbogen gestalteten Kronentors mit der Langgalerie.

1715

Planung des Wallpavillons; erste Nymphen im Nymphenbad, das als offener Architektursaal mit seiner großartigen bildhauerischen Gestaltung zu den bedeutendsten Tellen des Zwingers zählt. Bau der hölzernen Brücke über den Zwingergraben.

1716/19

Innenausstattung des Französischen Pavillons und des Mathematischen Salons; Rohbau des Wallpavillons, der mit seinem offenen Erdgeschoss und der im Inneren auf den ehemaligen Festungswall führenden zweiläufig Treppe den baukünstlerischen Höhepunkt des Zwingers bildet.

1717/23

Deckenmalereien von Louis de Silvestre und Heinrich Christian Fehling.

1718

Planung der stadtseitigen, östlichen Orangeriegebäude; Abschluss der Elbseite mit einem hölzernen Interimsbau.

1718/19

Bau des Zoologischen Pavillons mit dem Opernhaus und des Deutschen Pavillons mit dem Redoutenhaus.

1719

Einweihung des Zwingers anlässlich der Vermählung des sächsischen Kurprinzen mit dem Reiterspiel der vier Elemente (15. September) und dem Jahrmarkt der Nationen (20. September), danach vorerst Einstellung der weiteren Bauarbeiten durch Pöppelmann, bis die durch den Bau verursachten Schulden von 21.610 Talern beglichen wären.

1720/22

Pläne zur Unterbringung der kurfürstlichen Sammlungen im Zwinger.

1722

Karnevalsfestlichkeiten im Zwingerhof; Abschluss der Elbseite durch eine Holzwand.

1723

Schnepperschießen im Zwingerhof; erste ausführliche Beschreibung des Zwingers durch Johann Michael von Loen.

Wiederaufnahme der Bauarbeiten am Zwinger, um ihn als Sammlungsgebäude zu nutzen.

1726

Lobpreisung des Zwingers als eines der sieben Weltwunder (?) durch Johann Christian Crell.

1728

Fertigstellung der östlichen Bogengalerien und des Glockenspielpavillons als Pendant zum Wallpavillon mit doppelläufiger Treppe auf der Stadtseite, wobei ein großer Teil des plastischen Schmucks noch fehlt. Einzug der kurfürstlichen Bibliothek (Sächsische Landesbibliothek), der naturwissenschaftlichen Sammlungen, des Münzkabinetts und des Kupferstich-Kabinetts in den Zwinger, der seitdem als Palais Royale des Sciences bezeichnet wurde. Karnevalsfestlichkeiten im Zwingerhof anlässlich des Besuches des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I.

Vernichtung eines großen Teils der Entwurfszeichnungen und Bauakten zum Zwinger beim Brand des Gouvernementshauses.

1729

Erscheinen des Kupferstichwerks über den Zwinger von Pöppelmann.

1732

Fertigstellung des Innenausbaues im Wallpavillon; danach Einstellung der Bautätigkeit am Zwinger.

1733

Unterbringung der in der Kunstkammer verbliebenen Bestände im Zwinger.

1734

Aufstellung des holzgeschnitzten Modells des „Tempels Salomonis“ im Obergeschoss des Wallpavillons.

1738

Festlichkeiten anlässlich der „Sizilianischen Hochzeit“ der Prinzessin Maria Amalia.

1746

Der Mathematisch-Physikalische Salon wird im Obergeschoss des heute noch dafür bestimmten Pavillons eingerichtet.

Bau des Mingottischen Theaters im Zwingerhof, das 1748 abbrannte.

1747

Letztmalige Nutzung des Zwingers als höfischen Festplatz anlässlich der Vermählung der Prinzessin Maria Josepha mit dem Dauphin von Frankreich.

1759/60

Verwendung des Zwingerhofs als Holzstapelplatz und der Gebäude als Magazine.

1760

Zerstörung des Zwingers durch Belagerung und preußisches Bombardement.

1783/95

Erste Zwingerrestaurierung unter Camillo von Marcolini durch Johann Daniel Schade, dabei kleinere Umbauten der Gebäude nach musealen und klassizistischen Gesichtspunkten und teilweise Erneuerung und Ergänzung des noch fehlenden bildhauerischen Schmuckes.

1786

Auszug der Bibliothek und des Münzkabinetts ins Japanische Palais.

1806/13

Beschädigung des Zwingers durch die Napoleonischen Kriege.

1812

Zuschüttung und Bepflanzung des Wallgrabens (Entfestigung).

1820/30

Verschleifung der „Scharfen Ecke“ der Bastion Luna; Anlage des Zwingerteiches und der Gartenanlagen mit Wasserbecken im Zwingerhof.

1826

Abbruch der stadtseitigen Freitreppe am Glockenspielpavillon.

1831

Unterbringung des Historischen Museums im westlichen Teil der Langgalerie (Rüstkammer).

1837

Einbeziehung des Zwingers in den Forumplan von Gottfried Semper.

1842

Anbringung der Normaluhr am Mittelfenster des Mathematischen Salons (jetzt am Glockenspielpavillon).

1843

Enthüllung des von Ernst Rietschel geschaffenen Denkmals König Friedrich Augusts I. im Zwingerhof.

1847/55

Abschluss der Elbseite durch den Museumsbau von Semper.

1849

Weitgehende Zerstörung der Ostseite des Zwingers mit dem alten Opernhaus durch Brand während der revolutionären Maikämpfe.

1852/63

Zweite Zwingerrestaurierung unter Karl Moritz Haenel, dabei Errichtung von Museumsanbauten an den Deutschen und Zoologischen Pavillon, Aufstellung einer Kopie der Herkulesstatue vom Wallpavillon auf dem Glockenspielpavillon und Anbringung eines Anstriches von Ölfirnisfarbe auf den äußeren Bauteilen, um den Verfall der Sandsteinfiguren aufzuhalten, was diesen jedoch beschleunigte.

1856

Umzug des Kupferstich-Kabinetts in den Galeriebau.

1880/98

Dritte Zwinger-Restaurierung unter Verwendung von Portlandzement und Ölfarbe, die als ungeeignete Mittel weitere Schäden verursachten, außerdem bauliche Eingriffe in die künstlerische Bausubstanz.

1893

Beginn der systematischen und wissenschaftlichen Erforschung des Zwingers, vor allem durch Cornelius Gurlitt.

1897/98

Anschluss des Zwingers an das Fernheizwerk und an die städtische Schwemmkanalisation (zum Schutz vor Elbhochwasser, das bis dahin jährlich zur Durchfeuchtung der Grundmauern geführt hatte).

1898

Eingreifen der Kommission für die Erhaltung der Kunstdenkmäler zur grundsätzlichen Änderung der Restaurierungsmethoden am Zwinger.

1910/15

Erste Sicherungsarbeiten, wobei man begann, die beschädigten Sandsteinteile durch originalgetreue Sandsteinkopien zu ersetzen und die Ölfarbenschicht mit einem speziellen Ablaugverfahren zu entfernen.

1924/36

Vierte, umfassende Restaurierung durch die von Oskar Kramer neugegründete Zwingerbauhütte unter Hubert Ermisch und Georg Wrba zur technischen Rettung und künstlerischen Wiederherstellung des Zwingers. Es wurden u. a. das verfallene Nymphenbad wiederhergestellt, die Terrassenflächen und Mauern mit Stahlbetonflächen gesichert und dabei ein Umgang um den gesamten Zwinger geschaffen, erstmals ein Meißner Porzellanglockenspiel am Eingangspavillon angebracht (mit 40 Glocken) und die im 19. Jahrhundert vorgenommenen baulichen Eingriffe zum größten Teil beseitigt. Die erforderlichen Mittel wurden u. a. aus den Zwingerlotterien des Heimatschutzes aufgebracht.

1926

Erstmalige Veranstaltung von Zwingerserenaden vor dem Wallpavillon.

1929

Umsetzung des Friedrich-August-Denkmals neben das Japanische Palais; Wiederherstellung der Gartenanlagen nach barocken Formen und des Zwingergrabens mit der hölzernen Brücke.

1941

Abschluss der Restaurierungsarbeiten in den künstlerisch wertvollen Innenräumen.

1945

Zerstörung des Zwingers bis auf die Grundmauern durch den Bombenangriff am 13./14. Februar.

1945/46

„Sofortmaßnahmen am Dresdner Zwinger“ unter Verantwortung der Landesverwaltung Sachsen mit Unterstützung der Sowjetischen Militärverwaltung, Leitung Hubert Ermisch, Max Zimmermann (1881-1962) und Arthur Frenzel (1899-1975). Die Bildhauerarbeiten leiteten Albert Braun (1899-1962) und Fritz Schlesinger.

1950

Wiederherstellung des Kronentors und der Langgalerie; erste Zwingerlotterie nach dem Zweiten Weltkrieg.

1951

Grabendurchstich bis zum Zwingerteich.

1952

Wiedereröffnung des ersten Ausstellungsraumes des Staatlichen Mathematisch-Physikalischen Salons und eines Teils der Porzellansammlung (im Ostteil der Langgalerie).

1953

Erste Zwingerserenade nach dem Zweiten Weltkrieg (Kreuzchor).

1956

Wiedereröffnung der Gemäldegalerie Alte Meister.

1963

Erste Ausstellung des Staatlichen Museums für Tierkunde in der südwestlichen Bogengalerie (jetzt im Westteil der Langgalerie).

1965

Abschluss des schrittweisen Wiederaufbaus der gesamten Zwingeranlage (ohne Wiederherstellung der barocken Wand- und Deckengemälde). Weiterhin ständige denkmalpflegerische Betreuung des Zwingers.

1977/84

Rekonstruktion der Fenster und der Langgalerien.

1985/89

Restaurierung des Kronentors.

1991

Wiedergründung der Zwingerbauhütte, die bereits 1924/68 bestanden hatte.

1993

Schließung der Zwingerlotterie, die seit 1954 in städtischer Trägerschaft zum Wiederaufbau und zur Erhaltung des Zwingers beitragen sollte.