Der Bismarckturm in Dresden-Räcknitz

„Es ist ein Vorteil des Altwerdens, dass man gegen Hass und Verleumdung gleichgültig wird, während die Empfänglichkeit für[…]Liebe stärker wird.“

So sagte es einst ein Alternder, der auf eine fulminante Lebenszeit voller Kontroversen, Krisen und weltgeschichtlicher Ereignisse  zurückschauen konnte - Otto von Bismarck. Der Gründer und erste Kanzler des Deutschen Reiches, der seinen Zeitgenossen als streitlustiger, wahnsinniger und doch genialer Politiker galt, ist trotz seiner zwielichtigen Bedeutung für überspanntes Deutschtum als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten deutscher Geschichte zu sehen.

Diese außergewöhnliche Position innerhalb der Deutschen Geschichte war auch Jahre nach seinem Tod 1898 Anlass für zahlreiche Ehrungen. Neben Standbildern, Historiengemälden, lyrischen Ehrungen wurde Otto von Bismarck nicht zuletzt ganz speziellen bautechnischen Verewigungen zuteil. Diese ganz speziellen bautechnischen Verewigungen sind die Bismarcktürme oder Bismarcksäulen, die von 1899 bis 1911 auf dem Gebiet des damaligen Deutschen Reichs- bzw. Staatsgebietes erbaut wurden (1). 240 Bismarcktürme zierten einst markante Punkte von Städten und Landschaften in Deutschland, Polen und in der Tschechischen Republik. Heute existieren noch ca. 160 Bismarcktürme – in mehr oder minder gutem Zustand. Die Türme waren nicht nur als Denkmäler im herkömmlichen Sinne geplant, sondern sollten zu besonderen Anlässen als weithin sichtbare Feuersäulen fungieren und somit den „Bismarckmythos“ zum Beginn des 20. Jahrhunderts schüren.

So findet man auch in und um die sächsische Landeshauptstadt vier verschiedenförmige Bismarcktürme. Bekanntester ist wohl jener auf der Räcknitzhöhe im Süden Dresdens.

Der am 23. Juni 1906 eingeweihte Turm, der stilistisch auf den „Standardentwurf“ von Wilhelm Kreis zurückgeht, wurde von Dresdner Studenten initiiert und mit Spenden der Stadtbevölkerung finanziert. Dieser „Standardentwurf“ wurde bei 42 Vertretern dieser Denkmaltürme verwendet, wobei die Kubaturen nie vorgeschrieben waren.

In der Zeit der ausgehenden Kaiserzeit, der Weimarer Republik aber speziell während des Dritten Reiches erfuhr der Turm teils verfehlte Nutzung. Nach zwei Weltkriegen und der Teilung Deutschlands wurde der Turm, dessen eigentliche Bedeutung nicht in das Selbstverständnis der jungen DDR passte und man auch den Abriss in Erwägung zog, in Friedensturm umbenannt. Nach der Wende und der Jahrtausendwende fand man den Turm in miserablen Zustand und so waren es 2003 erneut Dresdner Studenten, die mit der Gründung des „Bismarckturm Dresden e. V.“ den Startschuss für die Rettung und Erhaltung des Bismarckturms gaben. Die Arbeit des Vereins wurde am 30. August 2008 mit der feierlichen Eröffnung des restaurierten und renovierten Turms belohnt und der Turm für die Öffentlichkeit freigegeben. Soweit die kurze Chronik des Bismarckturms.

Die 23 m hohe Sandsteinsäule thront auf einem quadratischen Standsockel, welcher auf einer kleinen künstlichen Anhöhe sitzt. Nach einem weiteren übermannshohen und gestuften Turmsockel erhebt sich der hohe Turmkörper.  Der Turmkörper, der etwa dreiviertel der Höhe des gesamten Bauwerks einnimmt, spiegelt eine Art überdimensionierten, quadratischen kantonierten Pfeiler wider. Auf der Ostseite des Turmkörpers befindet sich ein Relief eines Adlers, der von zwei Halbsäulen gerahmt wird. Kurz vor dem Abschluss des sich verjüngenden Turmkörpers umläuft ein Gesimsband den Bau.  Auf dem Turmkörper sitzt der Turmabschluss. Beginnend mit einer konkaven Gebälkzone, schließt dieser Bereich mit einer dreistufigen Kastenarchitektur, bei der die dritte und überhöhte Stufe die steinerne Grenze der Aussichtsplattform bildet.

Der mit Backsteinen verkleidete Innenraum des Turmsockels und des Turmkörpers ist hohl und bietet so Platz für die Erschließungstreppen. Die moderne Stahltreppenkonstruktion, die die Besucher im abwechselnden Rhythmus hinaufführt, bietet einen bewusst genutzten Kontrast zu den Überresten der ehemaligen Treppe, welche man noch heute zum Teil sehen kann. Stilistisch kann man diese Form des Bismarckturms als eine Rezeption romanischer Festungsarchitektur verstehen. Dieser Aspekt wird nicht zuletzt durch das gemischt versetzte, äußere Mauerwerk gefestigt (6). Diese Formensprache passt bzw. scheint gut in die romantisierende und heroisierende Mittelaltervorstellung des nationalen Deutschverständnisses zu Beginn des letzten Jahrhunderts zu passen.

Schließlich oben angekommen erwartet einen zunächst ein reizvolles Panorama, welches den Blick zwischen der Sächsischen Schweiz über das entfernte Osterzgebirge bis nach Freital lenkt. In Richtung Norden erblickt man das Dresdner Stadtgebiet und man erhält ein Gefühl dafür, wie sich Dresden schier unendlich als urbane Masse an der Elbe entlang schlängelt. Bei genauerem Hinsehen fallen einem eventuell zwei weitere Bismarcktürme in und nahe Dresden auf. Zum einen der Bismarckturm auf den Weinbergen oberhalb von Radebeul und der Fichteturm in Dresden-Plauen.

Erreichen kann man den Bismarckturm über die Südhöhe und die Ludwig-Renn-Allee. Den Eingang findet man auf der Südseite des Turms. Der Eintritt zum Turm und für den Aufstieg ist frei und von Dienstag bis Freitag zwischen 11:00 bis 18:00 Uhr und am Samstag, Sonntag und an Feiertagen zwischen 10:00 bis 18:00 Uhr möglich.

Die im einleitenden Zitat erwähnte Liebe und der mit dem Altern verbundene zunehmende Empfänglichkeit für diese, mag ein Vorteil des Lebensabends sein. Wenn man diese Liebe nun auf den Erhalt von historischen Bauten reflektiert und die Empfänglichkeit alter Substanz für Bewahrungsmaßnahmen erkennt, haben wir eventuell die Möglichkeit, uns während des eigenen Alterns an geschichtsträchtigen Bauten zu erfreuen.

© 2008 Andreas Gosch