Der Wolfshügel

Regenschwer hängt der Himmel. Man meint, die Wolken greifen zu können, so tief gleiten sie. Die Sonne ringt mit den Nebelmassen und kann nicht siegen. Endlich doch. Der Himmel rötet sich unter ihrem Kusse wie ein schamhaftes Mädchen und gegen Mittag lacht er in reinstem Blau. Die zerstürmten Wolken jagen und irren. Sie wissen nicht wohin in all dem Licht.

Sturm!

Er läuft dir entgegen, wenn du hinaustrittst. Pfeifend fliegt er durch die Brückenbogen. Hier reißt er nieder, dort schafft er. Jetzt kommt er an die Telegraphendrähte. Er greift mit weitem Schwunge hinein wie in eine Harfe. Nun erklingt in den Drähten eine leise Frühlingsmelodie. Etwas Himmelsblau und Frühlingsträumen scheint hineingewoben in wundersame Klänge. Eine Sekunde lauscht auch der Sturm. Dann fliegt er wieder auf. Übermütig jagt er hinab zum Flusse. Hier kräuselt er die Fluten in erregtem Auf und Nieder. Ihr Wellenspiel gleitet fort über schwernasse, braungelbe Elbwiesen und klingt in einer gewaltigen Fuge aus, die er in knospenden Bäumen singt. Ein brausendes „Heil dir, Sonne!“

Sonnengold glitzert auf den Wellen, jagende Wolkenschatten streiten mit dem Licht.

Hinter dem Waldschlößchen biegt die alte Bautzener Chaussee ab. Am Rande der Heide träumt das alte Fischhaus von blutigen Taten, deren stiller Zeuge es war. Als man den einen Toten im Dunkel der Nacht neben ihm vergrub, ging ein heimliches Seufzen durch das Haus. Und als die Franzosen im Jahre 1813 hier eine Kriegskasse vergruben, schaute es genau so gleichgültig zu wie später den törichten Schatzgräbern, die danach suchten. Es hat den Platz bis heute nicht verraten.

Hinter dem Fischhaus biegt der Weg nach dem Wolfshügel in den Wald ab. Es geht sich so weich und leicht. Die Sonnenstrahlen gleiten an den saftig braunen Kiefern hinan und zittern um silberstämmige Buchen. Schlanke Birken stehen weiß und fröhlich dazwischen. Den Boden bedeckt welkes Buchenlaub, glänzend wie verlorenes Gold. Das weiche Silber der Buchenstämme gleitet hinauf in das saftige Grün regennasser Kiefern. Unten aber breitet sich der goldene Teppich des welken Laubes. Eine unendlich herbschöne Farbenpracht fließt da ineinander, satt und hoffend unter der weichen Liebkosung des Lichts.

Da ist in einer Vertiefung das Regenwasser stehen geblieben. In diesem kleinen See spiegelt sich nun der Himmel in reinstem Blau. Etliche goldgelbe Buchenblätter schwimmen windverweht obenauf - nie sah ich ein Mosaik von so tiefer Schönheit.

Durch all die bunte Herrlichkeit windet sich der „alte Wolfshügelweg“ allmählich zur Höhe hinauf. Hier ändert sich das Bild. Der Wald hat sich über sein Kiefernkleid eine saubere Birkenschürze vorgebunden und die Sonne lächelt ihm im Vorübergehen freundlich zu.

Und nun staune. Nicht wahr, diese prachtvolle  Fernsicht hättest du auf dem Wolfshügel nicht gesucht? Weit um den Berg lagert sich der Wald wie die Schleppe einer Hofdame auf buntem Teppich. Über Dresden liegt der Dämmerschatten eines Wolkenballens. Die Berge dahinter aber gleißen in vollem Sonnenschein. Links glitzert die Elbe wie flüssiges Silber und rechts beschließen die tiefblauen Umrisse der Lößnitzberge das prächtige Bild. Ein einzelner verirrter Sonnenstrahl taucht die Schwurhand des Dresdner neuen Landgerichts in glühendes Licht. Ein funkelnder Juwel scheint es, in bunter Perlmutterfassung. Strahlen schießen, Wolken fliehen. Der Sturm jagt den Berg herauf und schüttelt die Bäume. Über all dem aber schweben die Höhen im weiten Meere des Lichts. Nur ungern trennt sich das Auge von dieser stummen und doch so jubelnden Herrlichkeit.

Nach rückwärts führt der Flügelweg in die Märchenwelt des deutschen Waldes. Hie und da blickt das blaue Auge eines kleinen Wassertümpels durchs wogende Grün. Hoch oben wölben sich auf ranken Pfeilern die Hallen des Walddomes. Ein geheimnisvolles Weben und Werden vollzieht sich jetzt in den ragenden Stämmen. Vom Zauberstabe der Allmutter Natur gehoben, steigt in tausend Zellen neues Leben empor. Die Knospen strecken sich in schwellender Kraft. Ein jedes Zweiglein fühlt sich wichtig durchdrungen vom nährenden Safte. Im nassen Boden aber lebt eine große kleine Welt.  Dicht aneinander geschmiegt, falten zierliche Moosbäumchen ihre zarten Blättchen dem Lichte entgegen. Hier vollzieht sich im kleinen derselbe Vorgang, der einst gigantische Wälder in Steinkohle verwandelte. Diese Moospflänzchen nämlich leben und streben auf den Leichen ihrer Ahnen. Wenn der Herbst ins Land zieht, werden auch sie wieder als neue Leichen der neuen Generation Platz machen. So sinken alte Schichten tiefer und tiefer in den schlammigen Boden. Der Druck von oben preßt die Moosleichen zu einer festen Masse zusammen, die innere Wärme aber verbrennt die Toten langsam zu Torf.

Nun kommt mit heller Stimme ein Bach dahergeeilt. Er hüpft und schwatzt in ewigem Selbstgespräch, um bald wieder im Waldesdunkel unterzutauchen. Die kleinen schmucken Fichtenaber stehen und lauschen still auf das, was dieser lustige Gesell von seiner Waldfahrt erzählt. Weit oben im Walde sei ein junges Mädchen zu ihm gekommen. Sie hat sich in ihm gespiegelt und ihm dann zugelacht. Dann habe sie ihm die Hand hingehalten, damit er drüber springe. Davon sei er nun so fröhlich.

Seitwärts träumt ein kleiner Weiher im Widerschein des blauen Himmels. Der Wind säuselt leise in den Binsen und flüstert im Erlengestrüpp. Unter der treuen Aufsicht zweier schlanker Kiefern dehnt sich eine Lichtung wohlig in der Sonne. Sogar das dürrgelbe Gras fühlt ein heimliches Regen.

Nun schmilzt das hoffende Grün langsam hinüber in die Goldfarbe des Eisenborngrundes. Der Eindruck ist überraschend. Bisher wob Waldesgrün und Dämmerschatten geheime Fäden. Nun aber ragen auf goldenem Grunde wieder die Silbersäulen der Buchen hinauf. Man hat das Gefühl, als käme man aus einem trauten Zimmer plötzlich in die feierliche Helligkeit eines Festsaales. Der Zauber des Laubteppichs wird noch erhöht durch huschende Sonnenlichter, die am goldenen Boden zittern. Im Grunde aber schießt ein Wasser in rascher Talfahrt dahin. Es hat sich sein Bett im Laufe der Zeit in die Heidesandterrasse bis tief auf den felsigen Grund gewaschen. An einzelnen Stellen tritt der Granit offen zutage, so daß der Bach wie über ein Riff in sprudelnden Fällen darüber hinwegspringt. Oben am Talhange stehen die Granitklippen wie verwitterte Steinbilder im welken Laube. Hier beginnt das Granitmassiv, der letzte Ausläufer des Lausitzer Gebirges. Noch oft in der Dresdner Heide finden sich Spuren davon, erst in späterer Zeit wurde die kahle Felsenfläche von den Heidesanddünen begraben. Besonders aber fällt hier die tief rotbraune Farbe des Sandes auf, die dem Grunde ein eigenes Gepräge gibt. Sie deutet darauf hin, daß der Sand stark mit Eisenschuß versetzt ist. Dieser Eisengehalt teilte sich auch dem Wasser mit, das ihm seinen Namen verdankt. In früherer Zeit hieß es das Zschorrwasser, und schon im Jahre 1476 faßten es die Einsiedlermönche zu Alt-Dresden und leiteten es in ihr Kloster.

Der Eisenborngrund findet seine reizvolle Fortsetzung über dem Moritzburg-Pillnitzer Weg im Schotengrund. Auf bequemen Promenadenwegen führt er durch den tiefen Bachgrund und schließlich am Heidepark entlang zurück zur Landstraße.

Langsam erobert und feiert diesen Sieg noch im Scheiden durch ein leuchtendes Feuerwerk. Die ganze Landschaft scheint in rosiges Licht getaucht, so duftig und weich, als zittere ein Ahnen des Frühlings durch den weiten Raum. Langsam verglimmt die leuchtende Pracht. Leise schweben Schattenvorhänge nieder und künden den nahenden Abend.

 

 

Aus "Der grüne Film" - ein Wanderbuch von Edgar Hahnewald.